Voraussetzungen für wirksame und nachhaltige Bildungsprozesse Informationspapier und Anregungen aus Sicht von Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Lernorten
INFORMATIONSPAPIER, 21.09.2025
In der aktuellen Debatte über verpflichtende Gedenkstättenbesuche wird vielfach über Form und Ziel solcher Maßnahmen diskutiert – dabei geraten aus Sicht vieler Gedenkstätten zentrale Voraussetzungen für wirksame und nachhaltige Bildungsprozesse aus dem Blick.
Gedenkstättenbesuche stellen einen bedeutsamen Beitrag zur Bildung eines kritisch- reflexiven Geschichtsbewusstseins dar – vorausgesetzt, sie sind pädagogisch fundiert und strukturell abgesichert. Dieses Papier benennt zentrale Aspekte, die für die Planung, Durchführung und Gestaltung solcher Besuche berücksichtigt werden sollten.
1. Realistische Kapazitäten und verlässliche Ressourcen
Gedenkstätten sind sehr unterschiedlich ausgestattet. Damit sie Gruppen gut begleiten
können, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:
- ausreichende personelle, finanzielle und räumliche Ressourcen – sie sind die Grundlage für Qualität und Nachhaltigkeit.
- eine Förderung der Infrastruktur, auch für verkehrsmäßig schlecht angebundene oder kleinere Einrichtungen.
- eine langfristige Sicherung der Bildungsarbeit in Gedenkstätten statt projektbasierter Lösungen.
2. Passende Orte, Inhalte und Formate
Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Lernorte haben unterschiedliche Schwerpunkte
und Zielgruppen. Nachhaltige Besuche setzen voraus:
- Auswahl einer Einrichtung, die zum Alter und Thema der Gruppe passt.
- Berücksichtigung von altersgemäßen, inklusiven und zielgruppenspezifischen Bildungsformaten.
- Abstimmung der Inhalte und Methoden auf die Vorkenntnisse und Interessen der Teilnehmenden.
- Auswahl passender Formate und Ausbau der intensiven Formate (Tages- und Mehrtagesprojekte.
- Quellengestütztes historisches Lernen und angemessene Gruppengrößen.
3. Vor- und Nachbereitung als Voraussetzung für nachhaltiges Lernen
Ein Gedenkstättenbesuch entfaltet seine Wirkung nicht allein im Moment der Begegnung mit dem Ort. Entscheidend ist, dass Lehrkräfte ihn pädagogisch sinnvoll in den Unterricht oder in Bildungsprojekte einbetten. Dafür nötig sind:
- Zeiträume und Freiräume im Lehrplan, um diese pädagogische Arbeit zu ermöglichen.
- Klärung der Inhalte für Vor- und Nachbereitung zwischen Gedenkstätten und Lehrkräften.
- Verwendung von Materialien zur Vor- und Nachbereitung und Förderung der Entwicklung von Standards.
4. Unterstützung und Qualifizierung von Lehrkräften und Schulen
Lehrkräfte sind zentrale Partner für Gedenkstättenarbeit – sie benötigen gezielte Unterstützung durch:
- Verankerung von Gedenkstättenbesuchen im Referendariat und in der Lehrerbildung.
- Angebote zur Fort- und Weiterbildung in historisch-politischer Bildung.
- Zugang zu geeigneten Materialien und Austausch mit außerschulischen Partnern.
- Gewährleistung von Fördermitteln für Gedenkstättenfahrten mit niedrigschwelligen Möglichkeiten zur Beantragung.
5. Bundesländerübergreifend denken und regionale Vielfalt nutzen – Wohnortnähe als Vorteil
Gedenkstättenarbeit ist in ganz Deutschland möglich – mit vielfältigen Angeboten direkt in
der Region:
- Berücksichtigung in der Nähe gelegener Gedenkstätten in der Planung, auch zur Entlastung überlasteter Einrichtungen.
- Abwägung zwischen regionalen historischen Bezügen und thematischer Passung einer weiter entfernten Gedenkstätte.
- Fördermittel für Gedenkstättenfahrten flexibel und bundesländerübergreifend gestalten.
- Chance zur Beteiligung der Jugendlichen/Teilnehmenden bei der Auswahl nutzen.
6. Evaluation und Feedbackmechanismen als Bestandteil nachhaltiger Prozesse
Um die pädagogische Tiefe und Relevanz von Gedenkstättenbesuchen zu stärken, sind
systematische Formen der Rückmeldung und Reflexion erforderlich.
- Rückmeldestrukturen mit den Beteiligten verankern – praxisnah und niedrigschwellig.
- Nutzung der Ergebnisse zur Qualitätssicherung und Weiterentwicklung pädagogischer Angebote.
- Förderung von Forschung zur Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Gedenkstättenbesuchen.
21. September 2025
Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkstätten in Deutschland
Die Arbeitsgemeinschaft bündelt die Interessen der KZ-Gedenkstätten Bergen-Belsen, Buchenwald, Dachau, Flossenbürg, Mittelbau-Dora, Neuengamme, Ravensbrück und Sachsenhausen
www.gedenkstaettenforum.de/gedenkstaetten/netzwerke/arbeitsgemeinschaft-kz-gedenkstaetten
Verband der Gedenkstätten in Deutschland e.V. / FORUM (VGDF)
Der Verband ist die Dachorganisation von Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Lernorte sowie Stiftungen aus derzeit elf Bundesländern (www.gedenkstaettenverband.de/mitglieder).
Die Arbeitsgemeinschaft und der Verband werden vom Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors unterstützt (www.gedenkstaettenforum.de).